Mein Abend alleine

Eigentlich wäre es keine echte Überschrift: Dass ich den Abend alleine verbringe. Viele Menschen sind abends allein; Weil sie keinen Partner haben zum Beispiel oder weil der Partner eben abends ausgeht. Zur Arbeit, zum Sport, zu Freunden – was auch immer. Allein sein am Abend ist nicht besonders. Und trotzdem ist es hier eine Überschrift. Denn mein Mann ist bei seiner Freundin. Und ich bin allein daheim. Wir haben eine Offene Beziehung.

Warum mein Mann bei seiner Freundin ist

Die kurze Antwort ist: Weil wir es so wollen. Beide. Ja. Tatsächlich. Wir beide wollen das so. Wir leben in einer Offenen Beziehung. Vielleicht irgendwie auch polyamor. Das kommt ein bisschen auf die Definition an. Die Gründe dafür, dass wir uns für diese Art zu leben entschieden haben, sind vielfältig. Wir mögen es einfach, dass wir uns nicht einengen müssen. Wir sehen keinen Sinn darin, unsere Lust ohne Mehrwert zu unterdrücken. Stattdessen sind wir offen und ehrlich zueinander auch was unsere sexuellen Wünsche und unser Begehren angeht. Und wenn wir Lust haben auf jemanden, dann erzählen wir es uns nicht nur gegenseitig, dann können wir es auch umsetzen. Das ist ein schönes Gefühl.

Gesellschaftlich gibt es das Ideal, dass ein Mensch nur diesen einen anderen Menschen begehren kann. Wenn jemand Fantasien hat mit weiteren Personen, dann muss etwas in der Hauptbeziehung nicht stimmen. Glaubt man oft. Wer andere begehrt, muss das unterdrücken oder er /sie ist gebrandmarkt. Eine Affäre zu haben, wird gesellschaftlich zwar verurteilt, aber irgendwie sind wir doch auch dran gewöhnt.

Wir als Paar wollen diese gesellschaftliche Vorgabe durchbrechen. Wir wissen, dass Andere zu begehren nichts mit unserer Beziehung zu tun hat. Dieses frische Kribbeln, einen ersten Kuss, das Flirten und Erobern können wir uns gegenseitig nicht mehr bieten können. Deshalb ermöglichen wir uns das bei Anderen. Dabei wissen wir beide was das für ein Geschenk und für ein tiefer Vertrauensbeweis ist. Es ist keine Gefahr für unsere Beziehung, sondern macht sie noch tiefer. Aber auch nur, weil wir uns das von tiefstem Herzen gegenseitig gönnen. Manchmal an so einem Abend allein zu Hause, muss ich mir das deutlich vorsagen. Ich muss mir bewusst machen, wir sehr ich diese Art zu leben auch will, denn natürlich sticht es. Es schmerzt manchmal, dass sie ihm etwas geben kann, das zu geben ich nicht mehr im Stande bin.

Was sie ihm gibt, was ich nicht kann

Sex mit Anderen ist anders als in unserer langjährigen Beziehung. Wir hatten schon tausende Male Sex. Wir sind vertraut miteinander, wir kennen einander in- und auswendig. Das ist toll und auch wirklich wunderschön. Aber es ist eben anders, als dieses frische, unbeschwerte, kribbelige Gefühl am Anfang. Wenn Du noch ausprobierst, was dem Anderen gefällt und wenn man gemeinsam erkundet wie es klappt. Das ist was seine Freundin meinem Mann geben kann: Sie ist die Frau, mit der er stundenlang im Bett liegt, die er mehrmals an diesem Abend zum Orgasmus bringen wird, bei der er immer wieder neue Facetten entdeckt. Die Frau, die über seine Witze lacht, die ihm sein Lieblingseis ans Bett bringt und mit der er keinen Streit hat. Niemals. Die Frau, die einen Körper hat, der noch keine Kinder geboren hat und die er nur aus den guten Zeiten kennt.

Sex mit anderen – zwei Rollen

Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, dass er an diesem Abend viel Glück hat. Aus der Warte desjenigen, der raus geht in die Welt und tut wonach ihm der Sinn und die Lust steht, ist dieser Abend ein Gewinn. Doch es gibt eben auch die andere Rolle. Die Rolle, die ich an diesem Abend habe. An diesem Abend allein daheim. Und auch diese Rolle muss einem gefallen. Sie ist die Schwierigere.

Die ersten Abende allein daheim, als er bei ihr war, waren schlimm für mich. Ich wollte es, weil ich gespürt habe, dass es die richtige Art zu leben für mich ist. Aber gleichzeitig habe ich natürlich gelitten. Ich habe geweint, ich habe auf die Uhr gesehen und ich habe mich irrsinnig zusammenreißen müssen ihm nicht irgendwelche Vorwürfe zu machen, wenn er nach Hause kam. (nicht selten bin ich in meiner Rolle gescheitert und wir hätten beinahe alles hingeworfen).

Meine Selbstzweifel an diesem Abend

Es waren harte Monate für mich am Anfang unserer Offenen Beziehung. Und natürlich gibt es auch heute noch an diesen Abenden Momente in denen es sticht. In denen ich das Gefühl habe nicht genug zu sein. In denen ich mir wünsche er wäre nicht in der Lage mit jemand anderem als mir Lust zu empfinden. Momente in denen ich nicht ertragen kann, dass er auch mit einer anderen Frau einen sexuellen Höhepunkt erleben kann. Ja. Die gibt es. In diesen Momenten zweifle ich. An vielem, aber vor allem an mir selbst.

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Ich hab dann Angst, dass sie irgendwas besser kann als ich. Dass sie mir etwas wegnimmt. Dann schäme ich mich ein bisschen. Die Gründe warum es manchmal schmerzt, wenn er bei ihr ist, sind egoistisch. Mit der Eifersucht kann ich umgehen. Aber dass jemand anderes besser sein könnte, das wurmt mich. Dabei ist das mit der Lust doch etwas, das gar nicht kleiner wird, wenn man es teilt. Meine Liebe zu ihm und meine Lust auf ihn ist ja auch nicht kleiner, weil ich auch mit jemand anderem schlafe.

Und wenn er sich verliebt?

Auch dieser Gedanke geht mir durch den Kopf an diesem Abend: Was, wenn er sich in sie verliebt? Rational kann ich das entkräften. Verlieben kann man sich immer. Ich glaube nicht daran, dass Sex die Wahrscheinlichkeit fürs Verlieben erhöht. Sogar im Gegenteil. Er kann von mir aus haben, wen er begehrt ohne sich entscheiden zu müssen. Warum also sollte er mich für sie verlassen? Das macht überhaupt keinen Sinn.

Dazu kommt, dass es zwischen uns gut läuft und: Wir sind uns beide einig, dass das Alltag mit jemand anderem auch nicht immer einfach wäre. Geschweige denn diese Art von Offener Beziehung. Diese Freiheit ist uns so wertvoll. Keiner von uns will das aufgeben. Also nein. Realistisch habe ich davor keine Angst, dass er mich für sie verlässt. Doch dann stell ich mir vor, wie sie sich grade anschauen und küssen und was sonst noch so alles. Und dann ist es doch irgendwie schmerzhaft.

Offene Beziehung: Licht und Schatten

Ja. Es gibt Stiche an diesem Abend, doch die meiste Zeit über bin ich entspannt. Ich genieße, dass ich auch telefonieren und schreiben kann soviel ich will oder mich ab und zu auch mit jemandem treffe. Ich genieße zu wissen, wie seine Gedanken sind und wie intensiv dieses Leben mit all diesen Gefühlen und diesem großen Vertrauen ist. Die Stiche an diesem Abend gehören dazu. Ohne Schatten kein Licht, ohne Anstrengung keine sportliche Höchstleistung und ohne Lernen kein Abschluss. Genauso sehe ich das in unserer Offenen Beziehung. Manche Details daran sind scheiße. Aber dieser punktuelle Schmerz ist notwendig, um die schönen Seiten spüren zu können. In Summe ist es gut.

Und dann ruft er an

“Ich freu mich auf Dich,” sagt er als er anruft, als er bei ihr losfährt. Und er erzählt was ich wissen will. Aber nicht mehr. Ich freu mich für ihn. Und als er ins Bett zu mir krabbelt, kuschelt er sich an mich und flüstert “Hier ist daheim”. Und nach diesen wenigen Stunden bin ich dann doch so gar nicht allein.

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4 Gedanken zu „Mein Abend alleine“

  1. Wirklich extrem spannend, einen Einblick in die Emotionen und Gedanken hinter eurem Lebensmodell zu bekommen.
    Sowohl das einander gönnen und Schmerzliche Emotionen ertragen für den Genuss und die Lebensfreude des anderen, aber auch die Wertschätzung dafür vom Partner zu bekommen.
    Ich Wünsch euch und euren Bettgefährten alles Glück

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