Der Bad-Boy – Gewalt gegen Frauen

Gastautorin M. G. Kopf erzählt heute von einem persönlichen Erlebnis von Gewalt gegen Frauen:

Ich war 16 und betrat einen Imbiss. In meiner Jugend gab es sie noch, fernab der großen Imbissketten heute, die kleinen Läden, heimelig eingerichtet.

Der Laden war fast leer. Eine Frau wartete an der Theke auf ihre Bestellung, und ein junger Mann lehnte an einem Stehtisch und bediente einen Spielautomaten. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, starrte er mich regelrecht an. Er war älter als ich, kein Junge in meinem Alter. Die waren eh uninteressant, viel zu kindisch in ihrem Verhalten. Vor mir war ein erwachsener Mann.

Der Mann vor dem mich meine Eltern gewarnt hätten

Ich schloss die Ladentür, der typische Geruch nach frittiertem Fett und Gewürzen hing in der Lust, gemischt mit einer feinen Tabaknote. Rauchverbot war noch unbekannt. Der Mann schaute mich unverhohlen an. Instinktiv reagierte ich auf sein Lächeln, kam mir sogleich etwas verwegen vor.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich tat etwas Verbotenes. Dieser Mann vor mir war kein Student, er war nicht einer dieser ruhigen Mitschüler, die mich oft auch ansahen, doch nicht so direkt und mit einer gewissen Rohheit gepaart. Ich stellte mich hinter die Frau und überlegte kurz, was ich meinen Eltern mitnehmen würde. Vater isst doch so gerne Pommes, und Mama macht sie nicht so gerne, weil dann das ganze Haus danach riecht.

Ich spürte die Blicke des Mannes auf mir ruhen. Gierig, wie eine Raubkatze vor dem Sprung, richtete er sich zu seiner vollen Körpergröße auf. Ich sollte nicht hinschauen, wusste ich instinktiv. Zum Glück war Vater nicht dabei, denn dies war genau der Typ Mann gewesen, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt hatten – Ein Bad-Boy.

Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung, wie ferngesteuert. Er raunte ein tiefes „Hallo Schönheit“ in meine Richtung. Blau-grüne Augen, schlank, trainiert, Drei-Tage-Bart, dunkelblonde kurze Haare, ein Kopf größer als ich. Ein Smalltalk entstand. Dabei erzählt er ein wenig über sich, dass er 23 sei und noch nie eine solch schöne Frau gesehen hatte.

Komplimente, die wirkten

Mit meinen 16 Jahren imponierte mir das sehr, ich fühlte mich auf einmal sehr erwachsen. Während wir sprachen, nahm er wie von selbst eine meiner Haarsträhnen, mein Haar viel mir offen über die Schulter. Er streifte sich diese Strähne durch die Lippen, was ich unglaublich sinnlich und erotisch fand, so wären zumindest meine Worte heute dafür. Mit meinen 16 Jahren stand ich wie gebannt da, konnte weder etwas sagen noch mich bewegen, folgte seinen Händen wie hypnotisiert.

Irgendetwas zog mich magisch zu ihm, ich konnte es nicht in Worte fassen. Und natürlich reizte es mich, denn er war der geborene Rebell, er war verbotener Umgang für mich, ich hätte ihn nie meinem Vater vorstellen dürfen, er hätte ihn nicht akzeptiert.

Auf einmal nahm er meine Hand, drehte sie und fuhr mir mit den Fingerspitzen über die Handfläche. Ein unglaubliches Kribbeln durchfuhr mich und jagte mir Schauer über den Rücken. Ich wurde das erste Mal bewusst feucht durch einen Mann. Das erste Mal fühlte ich meine Weiblichkeit, die Macht über das andere Geschlecht, die gegenseitige Anziehung zwischen Mann und Frau. Ein überwältigendes Gefühl, denn ich hatte bisher keinen sexuellen Kontakt gehabt außer Händchenhalten und Küssen und das mit einem gleichaltrigen Jungen. Und auf einmal stand da dieser verruchte Mann vor mir, schrieb mir mit einem Kugelschreiber seine Nummer in die Handfläche, schaute mir noch einmal tief in die Augen und verabschiedete sich dann auf einmal.

Bevor er den Imbiss verließ, zwinkerte er mir noch einmal zu und meinte nonchalant: „Ruf mich an. Nicht vergessen.“ Ich stand wie gebannt da. Was war da gerade geschehen? Die Mitarbeiterin des Imbisses musste wohl schon das dritte Mal gefragt haben, was ich denn gerne möchte. Ich fasste mich allmählich wieder und bestellte die Pommes für meinen Vater. Die Mitarbeiterin kannte mich und war schon eine reife Dame. Als ich bezahlte, meinte sie zu mir: „Rufe den nicht an. Er ist nichts für dich. Du bist zu jung für eine solche Sorte Mann. Der macht dich nur unglücklich. Finger weg!“

Warnungen verhallen

„Du bist doch nur eifersüchtig“, dachte ich mir in meinem jugendlichen Flair. So verließ ich den Laden und ging zu meinem Fahrrad. Auf dem Sattel lag eine Blume. Aufregung erfasste mich, Euphorie stieg in mir auf. Die leise Stimme in meinem Kopf überhörte ich geflissentlich: „Er ist nicht gut für dich. Vergesse ihn. Ruf ihn auf keinen Fall an.“

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Wir waren mittlerweile ein dreiviertel Jahr zusammen, der Bad-Boy und ich. Gerade hatten wir meinen 17. Geburtstag gefeiert und es war Silvesterabend. Ich hatte mich schon die Tage zuvor nicht mehr so richtig wohl in der Beziehung gefühlt, und an diesem Abend merkte ich endgültig, dass er nicht der Richtige für mich war. Wir verbrachten das Silvesterfest im Kreis seiner Familie. Sie war so vollkommen anders als die Familie, die ich kannte. Es war laut und wurde zunehmend ordinärer und schließlich vulgär. Ich war umgeben von einer ganzen Menge an Menschen und fühlte mich dennoch wie der einsamste Mensch auf der ganzen Welt. Ich wollte auf einmal einfach nach Hause.

Die Eskalation – Gewalt gegen Frauen

Wir verließen die Feier, stiegen in sein Auto, ein kleiner Ford Fiesta. Er hatte kaum etwas getrunken und bestand darauf, mich nach Hause zu fahren. Die Wegstrecke betrug 30 km. Während der Fahrt legte er mir seine Hand auf den Oberschenkel. Es fühlte sich nicht mehr gut an. Ich sagte ihm, er solle sie doch bitte wieder zu sich nehmen. Er wurde leicht zornig und fragte, warum denn. Und so beging ich einen Fehler, den ich nie wieder in dieser Art ein zweites Mal tun würde: Ich machte mit ihm Schluss, während wir mit 70 km/h über die Landstraße fuhren.

Erst war er ganz still. Dann sagte er die Worte, die ich nie vergessen werde: „Wenn ich dich nicht haben kann, bekommt dich auch kein anderer Mann! Ich fahr jetzt gegen einen Baum.“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, gab er Gas. Das kleine Auto schwankte und setzte die Befehle des Fahrers augenblicklich um. Der Wagen beschleunigte rasant. Durch das plötzliche Gas geben drückte es mich in den Beifahrersitz. Die Landschaft um mich herum verschwamm immer mehr zu einem uneinsichtigen Schwarz.

Panik und Todesangst

Panik stieg urplötzlich in mir auf. Ich bekam ein Gefühl, das ich damals nicht benennen konnte, doch heute so beschreiben würde: Todesangst. Er meinte jedes Wort genau so und gab immer mehr Gas, sein Blick starr geradeaus. Paradoxerweise überkam mich genau in diesem Moment auf einmal eine große innere Ruhe. Heute weiß ich nicht mehr, was mir damals als so junge Frau die Kraft gab, besonnen und ruhig zu agieren und nicht einfach loszuschreien. Ich spürte instinktiv, nur wenn du ruhig bleibst, wirst du überleben. Ich bekam fast keine Luft mehr und hörte meinen Puls in den Ohren rauschen. „Du musst ihn beruhigen, ärgere ihn nicht weiter,“ sagte die Stimme in meinem Kopf. Er lenkte das Auto scharf nach links. Der Boden wurde unstrukturierter, das Auto schwankte und rüttelte seine Insassen durch.

Vor uns tat sich ein großer Baum auf. Der Stamm des Baumes wurde schon von den Scheinwerfern des Autos erleuchtet. Er gab nochmals Gas. Ich weiß nicht, was mir da die Kraft gab, ich hörte mich ruhig sagen: „Schatz, ich liebe dich doch. Das war nur Spaß.“

Er lenkte ruckartig das Auto nach rechts zurück auf die Hauptstraße, der Wagen kam ins Schlittern, fing sich zum Glück wieder, Reifen quietschten auf, der Geruch von verschmortem Gummiprofil stieg in den Fahrerraum. Das Tempo des Wagens verlangsamte sich, bis die Geschwindigkeit wieder dem vorgeschriebenen Wert entsprach. Wie erstarrt saß ich im Inneren, verhielt mich weiterhin ruhig und überlegt, so als stünde ich neben mir und würde meinem Selbst Regieanweisungen geben.

„Ja, Baby, wir gehören für immer zusammen. Für immer. Nichts kann uns auseinanderbringen.“ Ich dachte die ganze Zeit: „Ärgere ihn nicht mehr. Widersprich ihm nicht weiter. Du musst irgendwie lebend aus diesem Fahrzeug kommen.“

Nach Hause kommen

Dies war das erste und bisher letzte Mal in meinem Leben, dass ich Todesangst hatte – ausgelöst von diesem Menschen, den ich einmal aufrichtig liebte. Jetzt hatte ich nur noch Angst vor ihm und taktierte mich aus einer gefährlichen Situation mit einem vollkommen unberechenbaren Menschen. Irgendwann kam das Auto endlich zum Stehen. Er beugte sich vor und wollte mir noch einen Kuss geben; ich murmelte irgendwas von „Ich bin müde“ und riss die Autotür auf, stieg aus und stolperte fast, denn meine Knie waren butterweich. „Ich liebe dich, Baby.“, hörte ich noch seine Stimme hinter mir, dann das Auto wegfahren. Umgedreht hatte ich mich nicht mehr. Alle meine Gefühle für diesen Menschen, die ich noch in mir trug, waren in dem Moment der Todesangst gestorben.

Die Nacht war still und fühlte sich unwirklich an. Irgendwie spürte ich mit meinen jungen 17 Jahren, dass ich so eben einen Schutzengel hatte und jetzt hätte tot sein können. Leise betrat ich das Elternhaus. Eine Weile setzte ich mich in den Flur. Aus dem Wohnzimmer sah ich den Fernseher flackern, Vater musste gerade lachen. Die Küchentür war geöffnet, die Stimme meiner Mutter ertönte: „Schatz, bist du das? Du bist schon früh da. War die Feier nicht schön? Komm zu mir, hast du Hunger?“

Ich saß einfach nur da. „Du lebst noch.“, sagt es in mir immer wieder.

„Schatz was ist denn?“, fragt die liebe Stimme aus der Küche.

Ich trat langsam in die Küche, wie ferngesteuert, etwas wankend. Mutter war am Kochen, stand am Herd und über die Töpfe gebeugt. Ich hätte sie nie mehr gesehen, kommt es mir.

Mutter drehte sich zu mir um. Ihr Lächeln erstarrte plötzlich. „Oh mein Gott, Kind, was ist denn passiert? Du bist ja ganz weiß im Gesicht und deine Hände zittern. Hat er dir was angetan?“

„Mama, ich wäre gerade beinahe gestorben…“, antworte ich leise. Meine Stimme versagte, und endlich spürte ich Tränen über meine Wangen fließen, während mich Mutter in die Arme schloss.

Zur Autorin:
Liebe Leser!

Das Leben ist eine vielfältige Anreihung unterschiedlichster Impressionen und Erlebnisse. Es lässt uns zu dem werden, was wir heute sind. All diese Facetten, die uns ausmachen und werden lassen als Persönlichkeit, möchte ich Ihnen gerne meinerseits vorstellen. 
Keiner von uns ist nur eindimensional, wir alle scheinen in bunten Lichtern und tragen dieses  in unser Miteinander.  
Lassen Sie mich gerne für Sie strahlen und Ihnen mein Erlebtes und meine Lebenseinsichten vorstellen, Ihnen mein Herz darbieten... 

Es wäre mir eine Ehre.

Herzlichst

M. G. Kopf
Autorin "Gewürzt mit Herz"
Den Blog gewürzt mit Herz findest Du hier
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